Brief des Präsidenten
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Sehr geehrte Kolleginnen,
sehr geehrte Kollegen!

Es fällt nicht leicht, nach der verheerenden Naturkatastrophe zum Jahreswechsel zur Tagesordnung überzugehen und sich mit den Alltagsanliegen und Sorgen unseres Berufsstandes zu befassen. Trotzdem müssen wir dies tun und auch im Neuen Jahr die Problemlösungen in Angriff nehmen.

 

Die Problemstellungen seien wie folgt dargestellt:

Einer - noch immer - zunehmenden Zahl von Ziviltechnikern steht eine scheinbar abnehmende Zahl von Aufgaben gegenüber. Ich betone „scheinbar“ abnehmend, denn die Aufgaben, die es zu bewältigen gäbe, sind genug da. Aber einerseits fehlt nicht nur der öffentlichen Hand das nötige Geld, die notwendigen Dinge – Wohnen, Arbeiten, mobil sein, Freizeiteinrichtungen – zu finanzieren. Andererseits führt dieser – falsch verstandene – Spargedanke zu fehlgeleiteten Ausgaben. Fehlgeleitet werden Ausgaben dann, wenn zu wenig überlegt wird, wenn auf vorausblickende umfassende Planung im weitersten Sinne verzichtet wird, wenn um des kurzfristigen Erfolges wegen auf höchste Qualität verzichtet wird.

Aber gerade in Zeiten knapper Mittel sollen diese optimal eingesetzt werden. Werden sie das? Wir stehen vor der Tatsache, dass der Qualität im gesamten Planungsgeschehen am „Zeug geflickt“ wird. Wir finden eine Gesellschaft vor, die zwar immer höhere Forderungen stellt, wenn etwas danebengeht. Wir werden bald für jeden kleinen Fehler mit „Sammelklagen“ a la USA konfrontiert sein.

Aber kosten – zur Fehlervermeidung- darf alles nichts, denn „Geiz ist geil“.

Gleichzeitig kommt auch von den sogenannten Wettbewerbsbehörden der Ruf nach mehr Wettbewerb, gemeint ist der Preiswettbewerb, auch für Dienstleistungen.

 

Jedoch nicht alles „Böse“ kommt aus Brüssel, es gibt auch hausgemachte negative Trends in diese Richtung, auch von Landespolitikern in unserem Kammerbereich. Ein weiterer Angriff auf die Qualität, wie wir sie im Interesse unserer Konsumenten und im Interesse unserer Unwelt verstehen, kommt von der Seite, welche eine weitgehende Liberalisierung des Berufszuganges haben will. Diesbezüglich verbindet sich eine äußere Stimmung mit einer inneren. Dazu ist aber zu sagen, dass diese innere Strömung, also seitens unseres Nachwuchses, eher regional begrenzt ist.

 

Ein drittes Phänomen, welches an unserem Berufsstand knabbert, ist eine schleichende „Re-Verstaatlichung“ von Planungsdienstleistungen. Wenn Einrichtungen, die im Eigentum von Gebietskörperschaften stehen, und einstmals zu dem Zweck geschaffen worden waren, der Wohnungsnot entgegenzutreten, plötzlich zu Apparaten werden, welche vom Gemeindebau bis zur Bundesschule, ja bis zum Krankenhaus alles - konkurrenzlos – übernehmen bzw. übertragen bekommen, dann lebt die alte, längst tot „geglaubte“ Eigenplanung der öffentlichen Hand wieder auf.

 

Ich habe nun einige Problemstellungen skizziert, damit Sie sehen, wo unsere Arbeitsschwerpunkte in der Kammer in diesem Jahr liegen werden. Wir wissen uns nicht allein in dieser Thematik. Unsere Kollegen in den Nachbarländern stehen vor gleichen oder ähnlichen Problemen. Kooperation ist daher angesagt. Um uns all diesen Problemen widmen zu können, wird es notwendig sein, hausgemachte Probleme erst gar nicht entstehen zu lassen. Wir haben eine funktionierende Altersversorgung, warum wollen wir ständig was Neues erfinden. Wir haben ein Berufsrecht, welches in diesem Jahr erneuert wird. Wir werden es immer den Erfordernissen anzupassen trachten, aber nicht mit dem Ziel, uns als qualifizierten Berufsstand abzuschaffen.

Denn unserem Berufsstand liegt noch immer der Auftrag zugrunde, der vor mehr als 140 Jahren zur Gründung des ZT-Standes geführt hat: Zum Wohl der Allgemeinheit bestmögliche Arbeit zu leisten.

 

 

Ihr

 

Helmuth Schweiger